Kapitän Englers letzte Reise
von Gerhard Janke

Gerhard Janke schreibt zu seinem Artikel: "Dieser Beitrag wäre nicht geschrieben worden, wenn ich nicht von den Angehörigen Fritz Englers jede denkbare Unterstützung erfahren hätte. Es sind dies Siegfried Parnow, Heiligenhafen, Karla Naujoks, Katzweiler/Kaiserslautern, und Walter Rupp, Heiligenhafen."

Der 14. Oktober 1931 war ein Tag wie jeder andere auch in der Hauptstadt von Portugal, Lissabon. Mit einer kleinen Ausnahme. Auf dem halben Wege nach Oeiras an der Tejo-Mündung, dort, wo der renommierte Wassersport-Club Naval sein Domizil hat, hat sich eine illustre Gesellschaft zusammengefunden. Diesmal geht es nicht um die Ehrung eines erfolgreichen Seglers oder einer schnellen Rudermannschaft, sondern hier soll jemand verabschiedet werden, der sich ein ausgefallenes Ziel gesteckt hat. Am Steg des Clubgeländes schaukelt ein eigenartiges Gefährt in den kleinen Wellen des vorbeiströmenden Tejos. Es ist ein Boot, wie es vor rund dreieinhalb Jahren schon einmal hier gelegen hat. Wasserfahrzeuge dieser Art werden seit einiger Zeit im fernen Deutschland zu Sportzwecken gebaut, sind den Kajaks der Eskimos verwandt und werden schlicht und einfach Faltboote genannt. Vor rund zwölf Wochen ist ein junger Mann aus dem fernen Deutschland per Schiff hier angereist und hat ein solches Gefährt in seinem Gepäck mitgebracht. Auf dem Gelände des Clubs entstand aus vielen Einzelteilen das genannte Boot. In den folgenden Wochen machte der besagte junge Mann mit seinem Boot täglich ausgedehnte Trainingsfahrten mit allen eventuellen Vorkommnissen, die einem Paddler begegnen können. Den Schwerpunkt legte unser Paddler auf die Möglichkeit einer Strandung mit den gefährlichen Brandungswellen und dem harten Aufsetzen auf unbekannten Stränden. Dieses Trainingsprogramm war notwendig und konnte lebensnotwendig für unseren jungen Sportsmann werden, denn dieser hatte sich ein nicht alltägliches Ziel gesteckt. Er wollte schlicht und einfach mit seinem kleinen, zerbrechlich erscheinenden Fahrzeug den Atlantik von Ost nach West überqueren. Sein Endziel war New York, welches er in etwa 70 Tagen erreichen wollte.

Nun werden Sie, liebe Leser, mit Recht sagen, und was hat das alles mit Pommern zu tun? Es hat! Der besagte junge Mann war der aus Rügenwaldermünde stammende Seeoffizier Fritz Engler. Fritz Engler war am 21. Januar 1900 in Rügenwaldermünde geboren. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verließ er den elterlichen Fischkutter, um auf große Fahrt bei der christlichen Seefahrt zu gehen. Mit viel Fleiß und Ausdauer sowie dem Besuch der Seefahrtschule schaffte er den Sprung zum Kapitäns-Patent-Inhaber. Aber ein Patent in der Tasche und ein eigenes Schilf unter den Füßen, das sind zwei Paar Schuhe, besonders in der schweren Zeit der Weltwirtschaftskrise, mit fast sieben Millionen Erwerbslosen alleine in Deutschland. So war unser Landsmann schon sehr glücklich, daß er eine Stelle als Dritter Offizier auf einem Schiff der HAPAG bekam. Bei dieser Reederei lernte er einen Kollegen kennen, der unter ähnlichen Verhältnissen seine Liebe zur Seefahrt durchstand. Es war der Kapitän Römer, den die Tat des Ozeanfliegers Charles Lindbergh so faszinierte, daß er etwas Ähnliches auch vollbringen wollte. Fliegen konnte er nicht, also mußte ein anderes Fahrzeug gefunden werden.

Bei einem Besuch in seiner Heimat am Bodensee wurde er mit einem Faltboot bekannt, welches damals die Klepper-Werke in Rosenheim/Oberbayern herstellten. Hier kam ihm der Gedanke, mit solch einem zerlegbaren Gummiboot den Atlantik zu überqueren. Nach seinen Angaben wurde eine Spezial-Konstruktion gebaut. Nach vielen Vorbereitungen in der Heimat ging es auch nach Lissabon, wo die letzten Trainingsfahrten abgeleistet wurden. Dann ging es am 28. März 1928 von Lissabon nach Kap Vincent, Lanzerote bis nach Las Palmas, wo er am 10. Mai eintrifft. Am 10. Juni verläßt Römer Las Palmes, um am 30. Juli auf St. Thomas/Antillen mehr tot als lebendig an Land zu wanken. Gefeiert wird er wie ein Held, und selbst der Gouverneur von St. Thomas zeichnet ihn mit einer Ehrenmedaille aus.

Sein nächstes Ziel — St. Juan— erreicht er am 9. September. Und dann soll er einen schwerwiegenden Fehler begehen. Trotz vieler Warnungen von den einheimischen Seeleuten verläßt er die Insel am 11. September mit Richtung Puerto Rico. Zwei Tage später wird die Karibik von einem fürchterlichen Tornado heimgesucht, der selbst große Schiffe in Schwierigkeiten bringt. Seit diesem Zeitpunkt fehlt von Kapitän Römer jedes Lebenszeichen, er ist verschollen!

Eins hat aber Kapitän Römer bewiesen: Mit der Konstruktion des Bootes wurde der richtige Weg beschritten, und ein gut ausgebildeter Nautiker, welcher in einer guten körperlichen Verfassung ist, kann diese Strapaze bewältigen.

Alles dies weiß auch unser Freund Fritz Engler und kann es für sich nutzen. Am Anfang des Jahres 1930 läßt er sich von den Klepper-Werken ein Boot bauen, welches fast typengleich mit dem des Kapitän Römer ist. Es entsteht ein Fahrzeug von 6,50 m Länge, 0,98 m Breite und einem Tiefgang von 25 cm. Die errechnete Tragfähigkeit beträgt 500 kg. was in etwa Engler und seine Ausrüstung wiegen. Die Kentersicherheit wird durch zwei seitlich angebrachte Luftschläuche gewährleistet. 

Als Beseglung erhält das Boot am Großmast ein Luggersegel sowie ein kleines Vorsegel mit zusammen fünf Quadratmetern. Die errechnete Verpflegung für 100 Tage und ein Trinkwasservorrat von 100 Liter sind bei fachgerechter Stauung gut im Boot unterzubringen.

Fritz Engler ist der typische Pommer und somit gegenüber allem Geschriebenen mißtrauisch. Um ganz sicher zu gehen, lebt er in seiner Trainingsphase in Lissabon nur unter den Verpflegungsbedingungen, wie er sie später auf dem Atlantik hat. Kurz vor seiner Abreise stellt er fest, daß er trotz verstärkter körperlicher Belastung keinerlei Gewichtsabnahme und auch keine Entzugserscheinungen hat.


Fritz Engler als frischgebackener dritter Wachoffizier auf dem Passagierdampfer, New York in Cuxhaven/Steubenhöft kurz vor der Ausreise im August 1928 (links). Unser Landsmann Fritz Engler macht sich im Sommer 1930 am Weststrand von Rügenwaldermünde mit den Eigenarten eines Faltbootes vertraut (rechts).


Unser Freund ist nicht nur ein guter Seemann und Nautiker, sondern er hat auch einen kleinen Schuß gesunden Geschäftssinn im Blut. So hat er mit einigen bekannten Zeitungen, darunter auch die Rügenwalder Zeitung, Exklusiv-Verträge ausgehandelt, welche das Veröffentlichen seiner Erlebnisberichte regeln. Auch die Rügenwalder Zeitung brachte in ihrer Ausgebe am 11. November 1931 den ersten Bericht, den er nach seiner Strandung verfaßt hatte. Trotz des Jubels und der vielen Glück- und Segenswünsche bei seiner Abreise am 14. Oktober 1931 stand dieses Unternehmen unter einem unglücklichen Stern.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht und die Wettermeldungen der zweiten Oktoberhälfte 1931 studiert. Bereits am 12. Oktober braute sich über dem Nordatlantik ein großes Orkantief zusammen, dessen Weg durch die Biskaya, den Ärmelkanal nach Mitteleuropa verlief. Ein starker Ausläufer dieses Schlechtwetter-Gebietes zog in südöstlicher Richtung an der portugiesischen Küste entlang Richtung Mittelmeer. Durch diesen Ausläufer mußte Fritz Engler hindurch, wenn er sein erstes Ziel, Madeira, erreichen wollte. Es war nicht nur der Orkan, der da von Nordwest heranfegte, sondern der Atlantik entfacht hier eine starke Strömung, welche auf die afrikanische Küste zuläuft.

Am ersten Reisetag machte Fritz Engler mit seinem Boot durch die Strömung des Tejos bedingt und dem verhältnismäßig ruhigen Wasser der Bucht von Setúbal eine gute Strecke von rund 92 Seemeilen. Der Wind steigerte sich zur Sturmstärke und zwang unseren Freund, die Segel zu bergen und nur noch mit dem Treibanker den Kurs zu halten. Dieses Driften mit dem Treibanker führte aber nicht zu dem geplanten Ziel, sondern es führte direkt auf die afrikanische Küste zu. In der Nacht vom 22. zum 23. Oktober steigerte der Sturm sich zum Orkan, und der Treibanker ging verloren. Fritz Engler glaubte zu diesem Zeitpunkt, daß sein Standort etwa 50 Seemeilen vor Madeira sei. Etwa um Mitternacht kommt sein Boot quer zur See zu liegen und schlägt voll Wasser. Plötzlich sieht Fritz Engler Land vor sich, auf das er mit großer Geschwindigkeit zugetrieben wird. Eine riesige Woge packt das Boot seitlich und schleudert es zwischen den zahlreichen Klippen hindurch auf ein Stück Sandstrand. Durch geschicktes, oft geübtes Verhalten gelingt es ihm, das Boot seitlich zu legen und selbst Boden unter den Füßen zu bekommen. Bei diesem Manöver verliert unser Freund nicht nur sämtliche Seekarten und Ausweispapiere, sondern auch seine nautischen Instrumente geraten unter Wasser. Kaum hat Fritz Engler sein Boot etwas höher auf den Strand gezogen, da setzt ein dort üblicher Sandsturm ein, der alles zu begraben droht, was sich gerettet hat. Als auch dieses Übel vorüber war und unser Landsmann sich aus den Sandmassen befreit hat, schoß er einige Schüsse mit seiner Pistole in die Luft, um auf sich aufmerksam zu machen. Und gerade diese Pistolenschüsse sollten unseren Freund weltweit bekannt machen. Ich möchte hier nur eine Meldung zitieren, welche damals durch die Spalten der Presse ging. 

Das Pressebüro "Franc Press" aus Paris gab am 25. Oktober folgende Meldung in Umlauf: "Ein deutscher Unterseebootskapitän, der immer einen Revolver griffbereit hält, um niemanden in seiner Nähe zu dulden, ist in der Nähe der marokkanischen Stadt Masagan gelandet.

Die besagten Schüsse wurden von einigen Arabern gehört, und bald hatte unser Freund Gesellschaft und Hilfe. Eins war ihm trotz seiner glücklichen Rettung klar: Von hier konnte er seine Reise in die Neue Welt nicht fortsetzen. Er mußte vorher einen naheliegenden Hafenplatz erreichen, um die notwendig gewordenen Reparaturarbeiten durchzuführen und, soweit möglich, das verlorene Material zu ergänzen. Durch die Araber erfuhr er, daß er sich etwas südlich von Masagan befand, also rund 120 km südlich von Casablanca. Dies bedeutet für unseren Seemann, daß er etwas mehr als 250 Seemeilen seitlich vom Kurs abgekommen war. Das war auf die starke Drift zurückzuführen, welche von Nord heranströmte. Am 27. Oktober 1931 verläßt Engler diesen ungastlichen Ort und sucht nach langen schwierigen Anläufen den Hafen von Masagan auf. Hier erwarten ihn große Schwierigkeiten wegen seiner verlorenen Papiere. Außerdem muß er feststellen, daß auch eine nur behelfsmäßige Instandsetzung seines Bootes hier nicht möglich ist und auch die verlorenen Ausrüstungsgegenstände hier nicht beschafft werden können.

So beschließt Fritz Engler am 30. Oktober trotz großer Bedenken ganz still und leise den Hafen in Richtung Las Palmes zu verlassen. Auf dieser Etappe, deren Strecke immerhin rund 620 Seemeilen beträgt, wird unserem Landsmann alles abverlangt, was er an nautischein Können und Seemannschaft beherrscht. Er verliert sein Ruder und läuft auf ein großes Stück Treibholz, was sein Schwert unter dem Boot stark beschädigt. Eine Flautenzone muß er durchpaddeln, in der sich auch die ersten Haifische einstellen. Ein Leck in der Bootshaut zwingt ihn, die gesamte Ladung umzustauen und dies alles mitten auf dem Ozean, einige hundert Kilometer vom nächsten Festland.

Am 6. November sieht er weit im Westen Land aufkommen. Er steuert, wenn auch mit vielen Schwierigkeiten und der Hilfe einheimischer Fischer, den Hafen von Las Palmas an, wo er am 7. November 1931 festmacht. Hier, längsseits einer kleinen Jacht, fällt unser Freund in einen 24stündigen Dauerschlaf. Im Gegensatz zu Masagan hat Fritz Engler hier keine Schwierigkeiten wegen seiner verlorenen Papiere, was er in seinem Bericht besonders hervorhebt.

Las Palmas: Dieses Foto schickte Kapitän Engler am 12. November 1931 seinen Eltern und Geschwistern. Es war der letzte Gruß an seine Angehörigen in Rügenwaldermünde. Einsender: Gerhard Janke, Weserstraße 185, 2850 Bremerhaven


Ob es Fritz Engler in Las Palmas gelang, sein Boot für die folgende Etappe hochseetauglich herzurichten, oder ob er sich wieder mit einer Notreparatur zufriedengab, dies ist uns nicht mehr übermittelt. Er scheint aber hier noch einige glückliche Tage verlebt zu haben, denn selbst den Gang zum Fotografen hat er nicht versäumt. Das Bild aus diesen Tagen mit einer Widmung an seine Eltern und Geschwister befindet sich heute noch im Besitz einer entfernten Verwandten.

Am 16. November verläßt Fritz Engler Las Palmas mit Kurs auf die Bahamas. Der unter englischer Flagge fahrende Dampfer "Alameda Star" der Blue-Star-Reederei meldet per Funk am 20. November 1931: "Heute, am 20. November, sichteten wir auf 26 Grad nördlicher Breite und 20,36 Grad westlicher Länge ein kleines Segelkanu, welches mit einem Deutschen bemannt war. Es befand sich auf der Reise von Las Palmas nach den Bahamas. Unsere Frage, ob er Hilfe brauche, verneinte er mit Dank. Das Wetter war sehr schön, es herrschte eine leichte Nordostbrise.

Dies ist das letzte Lebenszeichen von dem in Rügenwaldermünde beheimateten Kapitän Fritz Engler!

Die Deutsche Presse-Agentur meldete am 25. Januar 1932: "Der deutsche Seeoffizier Fritz Engler, der mit einem Faltboot den Atlantik bezwingen wollte, darf als verschollen gelten. Sein nächstes Etappenziel, die Bahamas, wollte er am 10. Januar erreicht haben. Seit diesem Zeitpunkt ist er überfällig."