Rügenwaldermünde
eine kleine geschichtliche Betrachtung
von Dietrich Hemme

In dem vorangestellten Artikel aus dem Jahr 1924 von Fritz Christoph sind ja bereits die wichtigsten Daten und Ereignisse aus der Dorfgeschichte sowie die Verhältnisse der Einwohner zu den verschiedenen Zeiten skizzierte. Die folgende Betrachtung will sich daher mehr mit der neueren Geschichte des Ortes, das heißt ab etwa 1750, befassen. Sie will auch andere Schwerpunkte als die Christoph'sche setzen; sich etwas mit den Familien und ihrer Herkunft und eben mit Daten und Fakten beschäftigen, die wendiger den Historiker als vielmehr den einfachen Münder und seine Nachkommen interessieren dürfte. Schon die von uns erstellten Häuserlisten, die darin angegebenen Besitzerfolge sowie die Herkunft und die Berufe der jeweiligen Eigentümer können dem aufmerksamen Leser viel über Verhältnisse und Geschichte unseres Heimatdorfes verraten.

Ich besitze nach einen Geburtsvermerk aus einem 1756 in Lüneburg gedruckten Predigtbuch über meinen Ur-ur-urgroßvater, Friedrich Scharping, aus dem Jahr 1762. Es dürfte das älteste authentische heute noch existierende Datum aus Rügenwaldermünde überhaupt sein. Er zeigt, daß es im Dorf, welches damals knapp 200 Einwohner gezählt haben wird, eine Familie gab, die den Namen Scharping trug. Sie war zu der Zeit allerdings die einzige dieses Namens am Ort. Wie ich von meiner Großtante her weiß und in den Häuserlisten vermerkt habe, besaß die Familie noch bis in die zweite Hälfte des vorherigen Jahrhunderts das nachmals Maaß'sche Haus an der Westhafenstraße, welches auf dem alten Plan die Nr. 11, auf dem neuen die Nr. 39 trägt. Eine andere Eintragung auf der gleichen Seite des genannten Buches aus dem Jahr 1792 berichtet über die Heirat desselben Friedrich Scharping mit Marie Luise Brandhoff und nennt uns damit bereits für diese Zeit einen der beiden auf der "alten Münde" am häufigsten vorkommenden Namen: Brandhoff und Zühlke. Bei einem aufmerksamen Studium der Häuserlisten begegnen uns nämlich Träger dieser Namen immer wieder als Alt- bzw. Erstbesitzer. Zuletzt waren beide Familien auf der Münde soweit ausgestorben, daß von der einen nur noch Nachkommen Karl Brandhoffs, von der anderen gar nur ein älteres Fräulein, Frieda Zühlke, existierte. Der Bäcker Otto und der Arbeiter Karl Zühlke gehörten der Sippe nicht an, da sie erst in neuerer Zeit zugezogen waren.

Außer wenigen Wohnhäuser des Dorfes in jener Zeit werden sich, zusammen mit einigen Speichern und Schiffsausrüstungswerkstätten, hauptsächlich zu beiden Seiten der Wipper befunden haben. Ihre Bewohner waren meist Lotsen und Seeleute, und bei den letzteren erstaunlich viele Patentinhaber. Die Fischerei spielte nur eine Nebenrolle. Sie wurde meist während der Abwesenheit der Männer, mehr für den eigenen Verbrauch, von den Frauen betrieben. Auch der Bernstein spielte wohl schon eine Rolle. Ein jeder hatte sein eigenes Haus, einen Garten und einen Kartoffelacker; Viehhaltung war selbstverständlich. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß verhältnismäßiger Wohlstand auf dieser alten Münde herrschte. Und bis in die 70er Jahre des vorherigen Jahrhunderts hinein hatte sich an diesem Zustand kaum etwas geändert. Noch in den Kriegsjahren 1870/71 ließ mein Großvater das große Haus in der langen Straße errichten.

Erst im Verlauf der 70er Jahre trat eine allmähliche Wandlung ein. Durch den Molenausbau und die damit verbundene Erweiterung des Vorhafens kamen mit den Steine und anderes Material heranführenden Schiffen Fremde, zumeist aus der Danziger Gegend, nach der Münde. Nach Abschluß der Bauarbeiten blieben dann viele dort und wurden Fischer, bzw. nahmen ihren früheren Beruf wieder auf. Zu diesen gehören: Englers, Mollaus, Delleskes, Gädkes, Makowskis. Andere Fischer vom Westen, aus Divenow, begannen etwa zehn Jahre später einzuwandern. Das waren: Richards, Schulzens, Rüchels, Chinnows, Erdmanns, Tietzens, Luks, Milahns. Der dritte und letzte große Schub kam um die Jahrhundertwende aus den Stranddörfern der Umgebung: wie Laase, Deep, Nest, Vietzker Strand, Krolow Strand usw.

Diese Leute hießen: Pagel, Scharping, Holz, Rutzen, Mews, Wetzel, Parnow, Rades. Spätere Zuwanderungen aus anderen Orten und Gegenden waren unwesentlich und geschahen nur vereinzelt. Die meisten dieser Neuankömmlinge waren, wie wir gesehen haben, Fischer. So kann es denn nicht wundernehmen, daß zugleich mit dem allmählichen Rückgang der Rügenwalder Seeschiffahrt, seit etwa 1900, die Fischerei mehr und mehr an Bedeutung gewann. Um 1910 wurden bereits in die bisherigen Segelkutter die ersten Motoren eingebaut. Die Fahrzeuge wurden größer, seetüchtiger, zahlreicher. Der beigefügten Kutterliste zufolge hatte Rügenwaldermünde zuletzt eine Flotte von ungefähr 50 Fischkuttern.

Mit der Bedeutung der Fischerei stieg auch die der Fischverarbeitung. Der größte Teil des angelandeten Fangs wurde geräuchert. Große Räuchereien, alle mit vier bis fünf Öfen ausgestattet, schossen aus dem Boden. Hunderte von Zentnern, meist Flundern, Hering und Breitling, wurden hier geräuchert, verpackt und mit Güterzügen, en gros, meist nach Berlin, versandt. Zwölf (!) solcher Räuchereien gab es in dem zuletzt ca. 1000 Einwohner zählenden Dorf.

Da sich die Fischer von den Räuchereien, die als einzige Abnehmer weitgehend die Preise diktieren konnten, oft ausgenutzt fühlten, gründeten sie um 1920 eine eigene Fischverwertungsgenossenschaft, welche bald zu Wohlstand und Ansehen gelangte. Man kaufte das zuletzt Schmidthals gehörige Haus an der Osthafenstraße als Büro und den danebenliegenden ehemals Prochnow'schen Speicher als Abnahme- und vorläufige Aufbewahrungsstelle des angelandeten Fanges. Außerdem baute man am Westende des Dorfes eine eigene Räucherei, übrigens die größte am Ort, mit zehn Öfen. In den Hauptanlandezeiten arbeiteten hier umschichtig zwei Räuchermeister, Herr Barz und Frau Joost, mit einem Heer von Helferinnen, welche den Fisch saubermachten und aufspießten. Um 1935, als Reaktion auf diese Initiative der Fischer, gründeten nun auch die Räucherer eine Genossenschaft, welche sie "Ostsee" nannten. und da sie die meisten Fischer als Zulieferer verloren hatten, kauften oder bauten sie jetzt eigene Kutter, die sie von angeheuerten Besatzungen fischen ließen. So gab es mittlerweile an die zehn "Räuchererkutter".

Die Einwohnerzahlen des Dorfes zu den verschiedenen Zeiten können wir nur schätzen. Wenn es darüber je Erhebungen gegeben hat, so sind sie 1945 mit den meisten anderen kommunalen Unterlagen verlorengegangen. Wenn wir aber einmal die Anzahl der Häuser und Familien, dazu die zeitbedingte Zunahme der Gesamtbevölkerung berücksichtigen, so können wir für die Jahr um 1750, wie schon eingangs angedeutet, eine Seelenzahl von knapp 200 annehmen, die sich schon bis 1900 etwa auf das doppelte erhöht hatte.

Die "Alte Liste" beinhaltet ungefähr 70 Wohnhäuser. Rechnen wir im Schnitt mit fünf Einwohner pro Haus, so kommen wir auf eine Gesamtzahl von 350. Geben wir großzügigerweise noch 50 hinzu, so kommen wir auf 400, womit wir der Wahrheit wohl recht nahe kommen dürften. Im Jahr unserer Ausreise, 1945, gab es auf der Münde mehr als doppelt soviele Wohnhäuser wie um die Jahrhundertwende und gut die doppelte Anzahl an Einwohnern. Wir liegen also mit unserem Fünf-Mann-pro-Haus-Durchschnitt gar nicht so falsch.

Bereits gegen Ende des vorigen Jahrhunderts begann man auf der Münde, aus nicht ganz ersichtlichen Gründen, mit seinen Kindern nicht mehr Platt zu sprechen. War es das durch die Zuwanderung bedingte Zusammenfließen mehrerer niederdeutscher Mundarten, welches erfahrungsgemäß ein Absterben des Plattdeutschen nach sich zu ziehen pflegt, oder lag die Ursache in einer damals schon beginnenden Diskriminierung der plattdeutschen Sprache, die ein gutes halbes Jahrhundert später mehr oder weniger den ganzen norddeutschen erfassen sollte? Wir wissen es nicht genau. Es ist aber Tatsache, daß unsere Großeltern noch Platt sprachen, unsere Eltern jedoch nicht mehr. Eine Ausnahme in dieser Hinsicht bildet zum Teil die zuletzt Zugezogenen aus den Stranddörfern und einzelne aus benachbarten Bauerndörfern, die noch eine Generation länger ihrer Muttersprache treu blieben. Die gleiche Entwicklung hierin war übrigens in Stolpmünde zu beobachten, welches wohl einen ähnlichen Werdegang unter ähnlichen Bedingungen durchgemacht hatte wie Rügenwaldermünde. Mit Ausnahme dieser beiden Orte jedoch hat man sowohl an der übrigen pommerschen Küste als auch auf den Dörfern im Landesinneren bis zuletzt überall Platt gesprochen.

Die Gemeinde Rügenwaldermünde war bis zum Jahr 1937 selbstständig und wurde dann, im Rahmen des "Groß-Hamburg-Gesetzes", in die Stadt eingemeindet. wobei sie auch ihren alten Namen verlor und in "Rügenwalde-Bad" umbenannt wurde. Dieser neue Name ist aber nie volkstümlich geworden, wie die kommunale Abhängigkeit überhaupt nur sieben Jahre alt werden sollte. Am besten vergessen wir sie ganz, ebenso wie den "Ortsteil Bad".

In alten Zeiten befanden sich die Gemeindeämter im Haus des jeweiligen Gemeindevorstehers. erst um 1920 wurde die Doherr'sche Villa an der Ostseite vom Dorf als Gemeindehaus angekauft. Einige Namen der Gemeindevorsteher sollen hier genannt werden: Um 1870 Kapitän Ferdinand Gelhar, wie eine in meinem Besitz befindliche Urkunde bezeugt. Es folgten Steuerlotse Bernhard Leder um 1900, Kapitän Albert Jäger und Kapitän Hugo Rathke bis ca. 1906, dann Haiden, dem eine Zeitlang das spätere Karl Madsen'sche Haus gehörte, ca. 1906 bis 1908, 1908 bis 1918 Gastwirt Robert Pastewski und in den 20er Jahren Hagendorf. Der letzte Gemeindevorsteher vor der Eingemeindung 1937 war Max Höppner.

Nach dieser kurzen Wanderung durch die neuere Geschichte des Dorfes zum Schluß noch einige Fakten und Besonderheiten: An der Ecke Skagerakstraße/Kehrewieder, beim zuletzt Nesemann'schen Grundstück, (Nr.1), befand sich, wohl schon seit dem vorigem Jahrhundert, die Glocke für amtliche Bekanntmachungen. Sie hing in der Spitze eines ungefähr zehn Meter hohen, starken, graugestrichenen Eichenbalkens und wurde mittels eines Seiles bei neuangeschlagenen Bekanntmachungen geläutet.

Und wenn wir schon einmal bei Glocken sind, trotz Leuchtturm mit elektrischem Nebelhorn, existierte noch immer die Nebelglocke auf dem Kopf der alten Westmole, heute "Schweinskopp" genannt, mit welcher Rügenwaldermünde in alten Zeiten den Schiffen seines Standort anzeigte. Die Inschrift auf dieser Glocke lautet:

"Franz Schilling in Apolda goß mich 1908".

Außer Nebel- und Bekanntmachungsglocke gab es noch eine dritte Glocke - die Lotsenglocke. Sie stand am Westufer der Wipper, bei der Brücke, am Nordende der Motorbootwasch, an der Südseite der Skaggerakstraße und war ähnlich konstruiert wie die Bekanntmachungsglocke. Sie wurde geläutet, wenn Lotsen für ein einlaufendes Schiff gebraucht wurde, wenn ein Fischkutter für ein solches einen Teil der Pier räumen mußten und - früher - wenn die Brücke geöffnet werden sollte, was damals noch von den Lotsen per Hand gemacht wurde.

Außer der Nebel- und Bekanntmachungsglocke gab es noch eine dritte Glocke, die Lotsenglocke. Sie stand am Westufer der Wipper, bei der Brücke, am Nordende der Motorbootwasch, an der Südseite der Skagerakstraße und war ähnlich konstruiert wie die Bekanntmachungsglocke. Sie wurde geläutet, wenn Lotsen für ein einlaufendes Schiff gebraucht wurden, wenn Fischkutter für ein solches einen Teil der Pier räumen mußten und, früher, wenn die Brücke geöffnet werden sollte, was damals noch von den Lotsen per Hand gemacht wurde.

Das eigentliche Wahrzeichen der Münde aber war ihre hölzerne Zugbrücke im holländischen Stil. Sie wurde 1684 installiert, war aber wesentlich leichter gebaut und dementsprechend weniger belastbar als die letzte, uns bekannte Ausführung. Geöffnet und geschlossen wurde diese alte Brücke noch mit Menschenkraft. Die Lotsen waren dafür zuständig. Erst seit 1925 benutzte man Elektrizität. 1934 wurde die ganze Anlage noch einmal derart verstärkt, daß nun auch schwerbeladene Lastwagen und Fuhrwerke darüberfahren konnte. In der Russenzeit waren die elektrischen Anlagen außer Betrieb, so daß wir die beiden Brückenklappen wieder, fast wie in alten Zeiten, mit Armkraft, mittels Wrangen, hochdrehen mußte. Doch die Anlage wieder instand zu setzen, dazu waren weder Russen noch Polen fähig. Irgendwann in den 70er Jahren wurde die Brücke total abmontiert und als Schaustück nach Kragen (!) gebracht, wo sich ihre kläglichen Überreste noch heute befinden. Eine lange Zeit danach gab es, wie vor 1684, dann nur noch eine sehr unregelmäßige und unzuverlässige Fährverbindung zwischen Ost- und Westseite. erst in neuester Zeit hat man eine "moderne" Brücke anstelle der alten errichtet, die den Photos nach in die Landschaft paßt wie die Faust aufs Auge. Außerdem trägt sie nur Fußgänger. Wer also etwa mit dem PKW von der West- auf die Ostseite will, muß die Neue Chaussee und über die Stadt fahren.

Wir hatten, man höre und staune, auf der Münde sogar eine natürliche Quelle. Sie befand sich in der Waldstraße, am Zaun des Grundstücks vom Bauwart, und ist auf Harte III eingezeichnet. Eine Leitung von ihr aus hatte man bis ans Zollhaus gelegt, und noch zu meiner Kindheit haben die Leute hier ihr Trinkwasser geholt. Es gab aber außerdem noch einige Pumpen im Dorf. Seit Ende der 30ger Jahre hatte die Münde jedoch eine Wasserleitung, die diese Einrichtung überflüssig machte. Die Quelle war zu der Zeit ohnehin so gut wie versiegt.

Wann das staatliche Hafenbauamt nach Rügenwaldermünde kam, können wir nicht mehr genau sagen. Paul Brandhoff meint, bereits vor 1880. Der Hauptsitz dieses Hafenbauamtes war allerdings Kolberg, von wo aus Rügenwaldermünde mitverwaltet wurde. Die Hauptwerke des Hauptwerks des Hafenbaues auf der Münde waren der Molenausbau in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts und die Anlage des Winterhafens in den 80er Jahren. Der Bootshafen bei Schnurrbüdelshof entstand erst um 1930. Zudem war die regelmäßige Ausbaggerung des Hafens und der Einfahrt Aufgabe des Hafenbaus, wozu die beiden Schlepper "Jershöft" und "Damkerort" sowie diverse Schuten zur Verfügung standen. Der Bagger hieß "Persante".

Eine Eigenheit des Hafenteiles an der "Strom" genannten Wipper waren die sogenannten "Waschen". Meiner Erinnerung nach gab es davon 4 an der Westseite und eine an der Ostseite. An diesen Waschen spülten die Münder Frauen ihre Wäsche (so sauber waren damals noch unsere Flüsse), auch kleinere Kutter konnten dort anlegen. An der einzigen Wasch hinter der Brücke (von See aus), an der Westseite, bei Nesemanns, war der Anlegeplatz der Motorboote "Bogislav" und "Delphin". Das erste gehörte Ernst und Fritz Wetzel, das zweite Wilhelm Parnow. Diese beiden Boote stellen in der Sommerzeit eine zusätzliche Personenbeförderungsmöglichkeit zum regelmäßig verkehrenden Postbus nach der 3 km entfernten Stadt her.

Das für den Münder Hafen charakteristische Bollwerk, welches das ganze Stromufer, an der Westseite bis zum Bauhof und an der Ostseite bis zum Litergraben, begleitete, existiert heute nicht mehr. Die Polen haben eine glatte Pier geschaffen, die wohl billiger und leichter zu warten ist.

Der ungefähr 200 Meter lange "Litergraben", am Südrande des John'schen Parks, zwischen Treidelsteig und Chaussee, ist übrigens der letzte Rest eines Flüßchens namens Lytow, dessen Quelle und einstiges Bett zu unserer Zeit, und wohl auch schon zur Zeit unserer Urgroßväter, längst versandet war. Zuletzt diente dieser flache Graben als Liegeplatz für Ruderboote.

Vor dem Leuchtturm, am Landende der Ostmole, stand ein Signalmast. In eine entsprechende Vorrichtung daran wurden die täglichen Windmeldungen (Stärke und Richtung) der Orte Arkona auf Rügen und Brüsterort auf Samland mit großen metallenen Buchstaben gesteckt. Für Arkona prangten über der westlichen Tafel ein großes "A" sowie über der östlichen ein großes "B" für Brüsterort. So konnte es denn z.B. geschehen, daß auf der einen "WSW 5" zu lesen war, was Benno Selke einem Badegast einmal mit "Weiße seidene Westen für 5 Mark" erklärt haben soll.

Wie in allen hinterpommerschen Häfen war auch in Rügenwaldermünde, wegen der offenen, weder durch Buchten noch durch vorgelagerte Inseln geschützten Küste, bei starken, auflandigen Winden, die Einfahrt, vor der sich oft haushohe Brecher auftürmten, äußert gefährlich. Deshalb zogen viele Seeleute es vor, das Abflauen des Sturmes auf See abzuwarten oder den weiten Weg bis Hela in Kauf zu nehmen.

Oft haben auflandige Stürme auch verheerende Sturmfluten ausgelöst. Zum letzten Mal um die Jahreswende 1912/13, als der Strom über die Ufer trat und die See die Dünen an der Ostseite durchbrochen hatte. So konnten die Fluten sich einmal von der Wipper aus und zum anderen von den Wiesen her ins Dorf ergießen. Ungefähr einen halben Meter hoch stand das Wasser in jener Januarnacht in den Straßen, so daß die Leute zum Teil ihre Boote vor den Haustüren anbanden. Alle Keller waren voll Wasser, und Tramborgs, deren Haus etwas tiefer lag, mußten ein Vierteljahr, bis alles wieder richtig ausgetrocknet war, bei uns wohnen. Omatante hat oft von den Weinflaschen erzählt, die das Wasser damals im Keller gegeneinanderklirren ließ.

Doch die See hatte auch ihre guten Seiten. Im Sommer lockte sie viele geldbringende Badegäste ins Dorf. So entstand eine Badeanstalt schon vor dem ersten Weltkrieg. Sie lag an der Westecke der Auffahrt unter der Düne, also etwa 500 Meter westlich der neuen. Sie war auch wesentlich kleiner als diese und wurde noch nicht von der Gemeinde, sondern von einem Privatmann, nämlich dem Gastwirt Törmer, vom "Strandschloß", betrieben. Um 1920 wurde sie abgerissen. Eine größere, nun unter der Regie der Gemeinde, entstand ca. 500 Meter westlich der Westmole. Als Bademeister fungierten hier zur Zeit meiner Kindheit Otto Selke und Walter Madsen.

In dieser Zeit waren die Wälder an der Westseite noch allen zugänglich. Es gab dort eine herrliche, romantische Landschaft aus Moor, Heide und Wald, die bis nach Suckow und an den Strand der Ostsee reichte. Mitte darin befand sich die sogenannte Hühnerfarm, ein beliebtes Ausflugziel für Einheimische und Fremde, wo es sonntags und im Sommer auch Kaffee und Kuchen gab. Gegen Ende der 30ger Jahre war es jedoch plötzlich vorbei mit diesem Idyll. Die Oberste Heeresleitung hatte beschlossen, auf dem Gelände einen riesigen Truppenübungsplatz, besonders für Artillerie, anzulegen. Das Gebiet wurde nun gesperrt, und in kürzester Zeit entstand hier eine gewaltige Anlage aus Baracken, Bunkern, Wohnhäusern und Kasernen. Geschütze wurden installiert, und es begann ein fast tägliches Übungsschießen auf durch Scheiben markierte Luft- und Seeziele. Es hieß, daß dieser Artillerieübungsplatz einer der größten des Reiches gewesen sein soll.

Anzumerken wäre vielleicht noch, daß am sogenannten "Kleinen Strand", wie das Stück zwischen Schweinskopp und neuer Westmole genannt wurde, während des Krieges eine Werft entstand, auf der Schiffe aus Beton gebaut wurden. Das ganze war jedoch eher ein Experiment, welches nicht über kaum brauchbare Anfänge hinausgekommen ist.

Ein letztes Wort sei noch unserem Leuchtturm gewidmet. In der neuen Häuserliste ist er unter der Nr. 110 verzeichnet, mit der Bemerkung: "Erbaut nach 1850, später Turm erhöht". Diese Tatsache war unserer Generation solange weitgehend unbewußt, bis Kurt Engler auf einem Treffen, im Rahmen einer Filmvorführung, einmal ein altes Photo des noch nicht aufgestockten Turmes gezeigt hat. Damals konnte sich keiner der Anwesenden an diesen alten Turm erinnern, und sonderbarerweise ist, meines Wissens, selbst bei uns nie davon gesprochen worden. Bei der Herstellung dieses Buches nun stellte sich die Frage nach dem Zeitpunkt des Umbaus wieder. Und nun entdeckte auch ich bei mir noch ein Photo dieses niedrigeren Leuchtturmes. Das Raten ging von vorne los, denn auch Paul Brandhoff, unser ältester Mitbürger, konnte sich nicht an einen Umbau erinnern. Mit Hilfe von Fritz Maaß konnten wir ihn dann schließlich doch noch auf die Zeit um 1925 festlegen. Der Münder Leuchtturm wurde im Jahr 1927 von 13 auf 21 Meter erhöht.