Die jüdische Glaubensgemeinde in Rügenwalde.

 

Seit welcher Zeit es geschlossene jüdische Gemeinden in Pommern gegeben hat, lässt sich heute kaum noch feststellen, es sei denn, dass in noch vorhandenen herzoglichen Erlassen darüber etwas ausgesagt wird. Wir wissen aber mit Sicherheit, dass die preußische Provinz Pommern im Jahre 1812 bei einer Gesamtbevölkerung von einer halben Million Einwohner nur 1479 jüdischen Glaubens aufwies. Davon entfielen auf die Städte des Kreises Schlawe:

 

Schlawe

42

jüdische Einwohner
Rügenwalde 33 " "
Pollnow 30 " "
Zanow 22 " "

Gemessen an ihrer Kopfzahl, war der Anteil jüdischer Freiwilliger im Befreiungskrieg 1812/1813 doppelt so hoch wie der der anderen Bevölkerungsgruppe. Eine erstaunliche Feststellung, die aber auch zeigt, dass die Pommern jüdischen Glaubens seinerzeit nicht zurückstehen wollten im Kampf um die Befreiung ihrer pommerschen Heimat.

Aus dem Jahre 1905 liegt wieder eine Zahl über die Kopfstärke der jüdischen Gemeinde in Rügenwalde vor. Die Gemeinde ist nun auf 75 Seelen angewachsen, davon 30 männlich und 45 weiblich.

Im Jahre 1850 hatte Selig Borchardt in Rügenwalde eine Getreidehandelsfirma gegründet, die im Jahre 1900 von den Brüdern Adolf und Albert Rubensohn übernommen worden war. Diese Firma hat auch den ersten Silo-Getreidespeicher mit einem Fassungsvermögen von 3000 Tonnen am Stadthafen errichtet. Ermessen kann man die Bedeutung dieser Firma auch daran, dass der eine Firmeninhaber schwedischer Honorarkonsul wurde. Ein anderes Mitglied der jüdischen Gemeinde, der Kaufmann Leopold Cohn, war bereits um 1900 Stadtverordneter, ab 1905 Sparkassen-Rendant und außerdem vereidigter Sachverständiger für Getreide der Handelskammer in Stolp. Im Jahre 1912 wird der Kaufmann Emil Dallmann ebenfalls Stadtverordneter.

Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges werden alle wehrfähigen Männer der jüdischen Gemeinde eingezogen und schlagen sich tapfer für ihr Vaterland. Auf einer Tafel des jüdischen Friedhofes bei Rußhagen konnte man die Namen der Gefallenen lesen. Es waren dies Max Baruch, Siegmund Cohn, Arthur Freundlich und Georg Müllerheim.

Erwähnt sei auch, dass Louis Leopold bei der Elite-Einheit der kaiserlichen Marine-Infanterie in der deutschen Kolonie Kiautschau (China) gedient hatte und Leo Meyersohn als Frontsoldat des ersten Weltkrieges mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden ist.

Im Jahre 1930 wohnten in Rügenwalde noch nachstehende Familien oder Einzelpersonen jüdischen Glaubens:

1.   Familie Leo Aron, Stolpmünderstrasse, Getreide- und Saathandel.
2.   Fa. Hermann Baruch, Inh. Anna Baruch, Haushaltswaren.
3.    Geschwister Baruch, Schmiedestrasse.
4.   Fa. Max Borchardt, Langestrasse - Ecke Schmiedestrasse, Kurzwarenhandlung.
5.   Fa. Witwe Emma Caspari, mit Tochter Käthe, Am Markt, Putzmacherin und Einzelhandel mit Süßwaren.
6.   Fa. Siegmund Cohn , Inhaber: Kurt und Irmgard. Cohn, Langestrasse - am Steintor, Getreide-, Saat- und Futtermittelhandlung, außerdem Cigarrengeschäft.
7.   Familie Hugo Dallmann, Langestrasse, Einzelhandelsgeschäft in Textilwaren und Schuhen.
8.   Familie Emil Dallmann, Langestrasse, Einzelhandelsgeschäft in Textilwaren und Wäsche.
9.   Fräulein Selma Freund1ich, Am Markt, Strickwaren.
10.   Fa. Goldschmidt & Markus, Am Markt, Einzelhandelsgeschäft in Textilwaren (Inhaber: beide Familien).
11.   Familie Louis Leopold, Am Markt, Einzelhandelsgeschäft in Konfektion und Textilien.
12.   Familie Leo Meyersohn, Erbstrasse, Einzelhandelsgeschäft in Haushaltswaren, Fellhandel und Landhandel.
13.   Familie Abraham Moses, Langestrasse, Weißwarengeschäft.
14.   Ernst Müllerheim, Am Markt, Inhaber einer Privatbank.
15.   Konsul Albert Rubensohn, Bahnhofstrasse, Getreidegroßhandel, Import und Export.

   

Die jüdische Glaubensgemeinde besaß in der Großen Mühlenstrasse eine Synagoge, die etwa im Jahre 1935 an die Eisenwarenhandlung Schweder/Wollert verkauft wurde. Der Friedhof der Gemeinde befand sich am Ortseingang von Rußhagen und wurde im Jahre 1938 durch menschliche Unvernumpft verwüstet, Grabsteine wurden umgestürzt, Grabschmuck zertreten und sogar die Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges beschädigt. Kurz darauf wurde der Friedhof für Besucher gesperrt, das Haupttor mit Kette und Schloss gesichert. Seither ruhten die Toten ungestört.

Durch die verschiedenen Gesetze und Erlasse der Reichsregierung wurde das Leben und die Berufsausübung für die jüdischen Bürger immer schwieriger und schon im Jahre 1938 - im Zusammenhang mit der berüchtigten "Reichskristallnacht" - wurde es auch dem letzten Mitglied der kleinen Gemeinde klar, dass trotz aller Treue zur Heimat die Flucht aus der Heimat die einzige Möglichkeit zum Überleben bot. Von da ab verschwanden immer mehr jüdische Familien aus Rügenwalde. Von einigen ist bekannt, dass sie sich unter Aufgabe ihrer letzten geringen Habe in das Ausland haben retten können. Der Verbleib vieler ist unbekannt, es ist jedoch anzunehmen, dass sie in einem der berüchtigten Vernichtungslager umgebracht wurden. Festzustehen scheint dies für Frau Hugo Dallmann und Tochter Margot, Frau Borchardt, Frau Caspari und Tochter, Emil Müllerheim sowie Walter Meyersohn mit Mutter, während sein Vater noch in Rügenwalde starb.

Als erste suchten und fanden wieder Kontakt zu ihren inzwischen ebenfalls vertriebenen Mitbürgern die Familien Aron, Kurt Cohn, Frau Anna Posner, geb. Baruch (U.S.A.), Frau Ruth Müller, geb. Meyersohn und einzige überlebende der Familie Meyerson (Israel) und Frau Gerda Tuchler, geb. Rubensohn (Israel).

Nicht unerwähnt sollte man lassen, dass nach Abwanderung und Verschleppung aller einheimischen jüdischen Bürger eine alte Frau namens Cohn mit Tochter in unserer Heimatstadt Zuflucht suchte. Mutter und Tochter stammten sehr wahrscheinlich aus Berlin. Zwar wurde die Anwesenheit dieser beiden Frauen von Bürgern und Behörden der Stadt gegenüber höheren Verwaltungsbehörden und Fremden verschwiegen, bis dann wohl doch jemand den Mund nicht hat halten können. So blieb auch dieser alten Frau der Weg in ein Vernichtungslager nicht erspart. Über den Verbleib der Tochter ist nichts bekannt.

Quelle:
Carlheinz Rosenow, 1980
Chronik der Hansestadt Rügenwalde in Pommern